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Rüdiger•Scheiffele

Archäologie des Alltags

 

 



Es gibt Arbeiten, die man betrachtet - und es gibt Arbeiten, von denen man betrachtet wird.

Die Werke von Rüdiger Scheiffeles gehören eindeutig zur zweiten Gruppe. Uns betrachten Gesichter mit großen, fragenden, spielerischen Augen, verletzlich, wild, komisch oder melancholisch. Manche scheinen direkt einem Traum entsprungen zu sein, andere erinnern an Figuren aus einer vergessenen Mythologie oder an Wesen einer zukünftigen Welt. 

 

Die Gesichter erscheinen geisterhaft,  manchmal grotesk freundlich. Sie wirken weniger proträtiert als vielmehr heraufbeschworen.

 

Was wir sehen, sind nicht einfach Gemälde oder Objekte - wir erleben Transformationen. Bürsten werden zu Frisuren. Platinen zu Denklandschaften. Wischmopps verwandeln sich in expressive Haarformen. Holzbretter, Plastikreste, technische Fragmente und Fundstücke beginnen plötzlich zu leben. Die Dinge verlieren ihre ursprüngliche Funktion und gewinnen Persönlichkeit. Sie werden zu Wesen mit überraschender Präsenz.

 

 

Die Objekte wirken dabei verspielt und improvisiert, zugleich aber auch psychologisch aufgeladen. Die farbintensiven Gemälde erweitern diesen Kosmos um traumartige Figuren, maskenhafte Gesichter und archaisch anmutende Zeichen.

Darin  liegt die Besonderheit von Scheiffeles Arbeiten: sie bewegen sich zwischen Erinnerung und Erfindung, zwischen Alltagswelt und innerem Kosmos.

 

Lange Zeit galt Kunst als Reich der edlen Materialien: Leinwand, Bronze, Marmor, Ölmalerei. Die Moderne jedoch hat diese Ordnung aufgebrochen. Künstlerinnen und Künstler begannen, das Gewöhnliche ernst zu nehmen. Das Weggeworfene, das Industrielle, das Banale wurde zum Träger von Bedeutung.

Scheiffeles Arbeiten sind jedoch keine gefälligen Dekorationsobjekte oder kalkulierte Luxusprodukte.  

Es geht ihm auch nicht um Materialexperimente oder Recycling. Im Zentrum stehen Fragen nach Identität, Verletzlichkeit und um die Frage, wie viel Persönlichkeit in den Dingen steckt, die uns täglich umgeben

Seine Werke folgen weder einem glatten Zeitgeist noch einem akademisch abgesicherten Stilprogramm oder ironischem Konzeptdesign. 

Stattdessen riskieren sie Naivität, Verletzlichkeit, Übertreibung und unmittelbaren Ausdruck.

 

Seine Arbeiten behaupten auch nicht, die Welt zu erklären. – sie erschaffen vielmehr eine eigene. Eine Welt zwischen Expressionismus und Art Brut, die an Asger Jorn, Jean-Michel Basquiat oder Jean Dubuffet erinnert, ebenso an afrikanische Masken, spirituelle Volkskunst oder Kinderzeichnungen – und die aus allen diesen Einflüssen dennoch etwas Eigenständiges entwickelt.

Scheiffeles Arbeiten erschaffen einen unverwechselbaren Kosmos voller Wesen, Zeichen und Stimmen. 

Man spürt, dass diese Werke nicht kalkuliert entstanden sind, sondern aus einer inneren Notwendigkeit heraus. Das macht sie unmittelbar, einzigartig und authentisch.

 

Originalität bedeutet nicht, ohne Vorfahren zu arbeiten. Originalität bedeutet, Einflüsse in etwas Eigenes und Notwendiges zu verwandeln. Scheiffeles Arbeiten stehen in einer Tradition - und gehen zugleich über sie hinaus.

Seine Figuren wirken daher wie urbane Totems, manchmal wie Schutzwesen unserer Gegenwart. Sie besitzen Humor, ohne jemals beliebig zu sein. Sie sind verspielt und zugleich voller psychologischer Spannung.

 

Besonders beeindruckend ist die Freiheit, mit der er arbeitet. Seine Malerei unterwirft sich keiner akademischen Strenge. Farbe darf fließen, flackern und leuchten. Die Gesichter entstehen intuitiv, beinahe tastend. Leuchtende Farbflächen, expressive Linien und maskenhafte Formen verdichten sich zu emotionalen Bildräumen voller Energie und innerer Bewegung, die sich jeder eindeutigen Erklärung entziehen. Und genau darin liegt ihre Stärke.

 

Denn gute Kunst beantwortet nicht alle Fragen - sie öffnet Räume: für Erinnerungen, für Assoziationen, für Irritationen und Freude.

Rüdiger  Scheiffele ist fraglos ein Ausnahmekünstler. Er entdeckt als „Archäologe des Alltags“ in scheinbar wertlosen Materialien neue Wesen und Erzählungen, - und verändert damit unseren Blick auf uns und die Dinge des täglichen Lebens.